Lilli Hill. Mit voller Kraft voraus!
     
   
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Atomic Missile. 2014

120 x 160 cm, Öl auf Leinwand

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Lilli Hill: „Atomic Missile“, 2014

Lilli Hill, die in ihrem „Sommerkuss“ der Weltbeglückungs-Ideologie des Sowjetkom­munismus ein kritisches Ge­gen­bild weiblicher Sinnlichkeit entgegensetzte, beschäf­tigt sich in ihrem Gemälde „Atomic Missile“ augenscheinlich mit den Bedrohungs­ängsten und Omnipotenzphantasien innerhalb des nordamerika­nischen Konkurrenz­systems. Wiederum stellt die Künstlerin sich nackt dar. Diesmal sitzt sie nicht auf einem niedrigen Holzschemelchen, sondern hockt auf einem metallenen Kinder­gefährt, das einen bewaffneten Düsenjet oder eine Atomrakete darstellen soll. Anders als in so vielen anderen Selbst-Akten, blickt sie den Betrachter nicht an, stattdessen konzentriert sie sich auf ein Ziel, das rechts außerhalb des Bildfeldes zu liegen scheint. Lilli Hill hat sich ein halbwegs aerodynamisch geformtes, an eine getunte Zigarre erinnerndes Kinderspielzeug zwischen die Beine geklemmt. Sie kniet auf Ausstülpungen, die beidseitig am Ende des Fahrzeuges angebracht sind und Triebwerke eines Flugkörpers imitieren könnten. Dass die zwischen die Schenkel genommene Heckflosse des Fluggerätes dabei nicht nur zusätzlichen Halt verleiht, sondern vielleicht auch der gleichzeitigen sexuellen Stimulation dient, lässt sich angesichts der von Hills Bildern gewohnten Freizügigkeit der Inszenierungen nicht ausschließen. Die Nackte reckt ihren Körper so weit nach vorn, dass er fast in der Horizontalen schwebt. Während sie sich mit der rechten Hand an einer Art Dorn festhält, der direkt vor ihr aus dem Metallkörper herausragt (vielleicht eine Wind­schutz­scheibe?), hat sie den linken Arm, der in einer geballten Faust endet, in Ver­längerung des Körpers waagerecht nach vorn gestreckt. Die enorme Körperspan­nung, die von den nach hinten gebogenen Füßen über den gereckten Rumpf und den festen Griff bis hin zum ausgestreckten Arm und der Faust spürbar wird, erweckt den Eindruck größter Dynamik. Dieser höchste Anstrengung suggerierenden Körper­wirkung entspricht die Mimik des erhobenen Kopfes, die Entschlossenheit und Zu­versicht zeigt. Man könnte sich einen Schlachtruf vorstellen, der dem weit aufgeris­senen Mund entweicht. Die obere Zahnreihe, die sichtbar wird, könnte einerseits als Ausdruck großer Lebensfreude, vielleicht aber auch als Instrument der Einschüch­terung verstanden werden – als Zeichen der Vitalität ist dieses physiognomische Detail aber auf jeden Fall zu verstehen. Die Schutzlosigkeit des nackten Körpers steht in merkwürdigem Kontrast zu der blau gerandeten Schutzbrille, die die Frau trägt, um ihre Augen vor dem starken Fahrtwind zu schützen, der in ihr Haar fährt und es wehen lässt. Angesichts dieses einzigen „Kleidungsstücks“, das es ihr ermöglicht, das von ihr anvisierte Ziel nicht aus den Spalten zusammengekniffener Augen, sondern mit offenem Blick zu fixieren, hebt die Nacktheit und erotische Wirkung des Frauenkörpers besonders hervor. Dieser scheint sich durch den Rückstoß einer aus dem Anus auflodernden Flammenwolke rasant von links nach rechts zu bewegen. Wer hat sich nicht schon gefragt, ob das bei einem Furz dem menschlichen Darm entweichende Methangas vielleicht tatsächlich brennbar ist? Lilli Hill verleiht diesem Gedanken eine surreale Anschaulichkeit, die die abgebildete Frau als Inkarnation mythischer Naturkraft-Beherrschung und als Gegenbild zur wissenschaftlichen Energienutzung erscheinen lässt. Das solcherart – geradezu durch „Hexenkräfte“ - angetriebene Gefährt auf zwei oder drei Rädern (so genau ist dies nicht zu erkennen) hebt allerdings nicht ab, sondern bleibt trotz dieses außer­gewöhnlichen Schubs völlig erdverbunden, was zweifelsfrei an den Schatten, die sich unter den Reifen abzeichnen, zu erkennen ist. Das Fahrzeug, dessen sich Lilli Hill in dieser Selbstinszenierung bedient, verheimlicht keineswegs, dass es lediglich ein Kinderspielzeug ist, dazu bestimmt, durch das Treten eines simplen Pedal-Ket­ten­antriebs im Spiel die damalige High-Tech-Welt der Erwachsenen zu simulieren. Lernen funktionierte schon damals, als sich Ost und West im Kalten Krieg hoch­gerüstet gegenüberstanden, vor allem als Imitation der Erwachsenen-Welt. Welches Kind mag sich in dem großspurig als „Atomic Missile“ titulierten Metallzylinder wie ein heroischer Beschützer der westlichen Hemisphäre gefühlt haben? Der Rost auf der nur noch an einigen Stellen metallisch-matt glänzenden Miniatur-Attrappe zeigt deutlich, dass dieses Relikt einer vergangenen Zeit allerdings schon längst nicht mehr als Hilfsmittel ideologischer Erziehung taugt, denn Technik bedarf vor allem der makellosen Oberfläche, um als Fetisch den männlichen Teil der Weltbevölkerung zu beeindrucken und zu verführen. Als recycelter Anachronismus innerhalb einer ge­genwärtigen weiblichen Inszenierung genutzt, entfaltet das Gefährt allerdings die kritische Kraft der Ironie. Der oberflächlich urteilende Betrachter mag sich an Bilder des Pop-Künstlers Mel Ramos erinnert fühlen. Ramos spielt – ähnlich wie Lilli Hill - den Kontrast-Reiz zwischen üppiger weiblicher Nacktheit und dinglicher Materialität von Konsumgegenstände aus – vielleicht um psychologische Mechanismen der Wer­beindustrie zu persiflieren, vielleicht aber auch, um den männlichen Ma­cho-­Blick auf die Frau zu feiern. Während Ramos aber das Klischee einer allzeit verführungs­willigen Weiblichkeit mit überdimensional zum Fetisch aufgeblasenen Marken-Ikonen des Konsums kombiniert, inszeniert Lilli Hill ihren eigenen Körper als Ikone einer selbstbewussten Weiblichkeit, die sich nicht fremdbestimmen lässt, sondern selbst entscheidet, wie sie sich zeigt. Die Form des von ihr gewählten Reisemittels weist zwar – ähnlich wie viele der Gegenstände, die Ramos in seinen Bildern verwendet –unverkennbar phallische Qualität auf, der Zustand, in dem Lilli Hill es vorführt, lässt aber wohl kaum einen Zweifel an der kritischen Sicht der Künstlerin auf den Domi­nanz­anspruch der Männerwelt aufkommen. Hill entscheidet selbst, wohin ihre per­sönliche Reise innerhalb des Kunst-Universums gehen soll – wohin sie tatsächlich führen wird, enthält sie dem Betrachter allerdings vor – vielleicht kennt sie das Ziel selbst noch nicht.

                                                                                                                                                                                                                                                                                          Text: Andreas Ladda